Hope Theatre Nairobi gastierte in Siegen

Zum zehnjährigen Jubiläum des kenianisch-deutsch-österreichischen Ensembles „Hope Theatre Nairobi“ unter der Leitung von Stefan Bruckmeier führte die Gruppe im Siegener Apollo-Theater am 21.2.19 „Peace“ auf. Das als Politisches Erzähltheater kategorisierte Stück stellt einen Informatikabsolventen vor, dessen junges Leben durch eine Reise nach Kenia entscheidende Prägung erfährt. Daniels ursprüngliche Absicht ist es, sich in Kenia zu entspannen, die Mühen der getanen Arbeit – sein Abschluss erhielt summa cum laude – zu genießen und vor seinem Eintritt ins gutbezahlte, aufreibende Wirtschaftsleben in Deutschland bei Sonne und Strand zu Kräften zu kommen. Nur ungern lassen seine Eltern das Einzelkind ziehen – Daniel setzt sich durch. Gegen die anfänglichen Bedenken seines Vaters, eines sprachlich versierten, weitgereisten dreiviertel gebildeten Bürgermeisters, der sich auch intensiv in der Flüchltlingsbewillkommung eingesetzt hat. Gegen seine Mutter, die wohl am meisten fürchtet, dass Daniel mit einer afrikanischen Freundin zurückkehren könne, umso mehr, als seine hiesige Freundin zurück bleibt. 

 

Kaum angekommen, wird Daniel am Strand in ein Gespräch mit einem findigen Kleinunternehmer verwickelt, der für den deutschen Touristen von der Nutte übers Hochseefischen bis zur Safari alles im Angebot hat, was das Herz begehren könnte. Daniels Abneigung gegen die Prostitution versucht er entgegen zu halten, dass diese nur das Beste tun könnten, was ihnen bleibe – oder sollten sie sich besser von einem gewalttätigen Ehemann durchprügeln lassen? Trotzdem findet das Fischen eher Daniels Zustimmung. In Hemingway Manier weiht ihn sein Lehrmeister weit auf dem Meer in die Magie des fairen Kampfes zwischen Mensch und Tier ein, an dessen Ende sie dem abgekämpften, gewürdigten Fisch seinen freien Lauf lassen. 

 

Auf den Geschmack gekommen, will Daniel mehr über Kenia erfahren, stimmt der Safari zu. Sein Fahrer weiht ihn anekdotenreich in die Gepflogenheiten der kenianischen Politik ein: Menschen werden für Versprechen gewählt, die sie nicht einhalten. Steht der nächste Wahltermin an und die gewünschte Straße harrt immer noch der Fertigstellung, so verspricht sie ein anderer, der seine Reputation dazu aus der Verunglimpfung des ersten Wortbrüchigen speist. Dass auch er mit leeren Versprechungen nach Stimmen heischt, wird bald klar. Daniel stellt fassungslose Nachfragen ob dieser Scheindemokratie, der akzeptierten Entmächtigung des Volkes. Nachdem ein Reifenplatzer das Zwiegespräch unterbrochen hat, lässt sein Fahrer Daniel im verschlossenen Gefährt zurück, um im nächsten Dorf Ersatzrad, Wagenheber und Werkzeug zu holen. Sein Fahrer taucht nicht mehr auf, dafür jedoch ein Bus mit einer Tanzgruppe, die Daniel unter ihre Fittiche nimmt. Es geht zu einer Hochzeit an einem See im Inland. Schon im Bus wird Daniel von der Ekstase der Musikanten mitgerissen. Als dann die kurze Dämmerung über die Feiergemeinde am Seeufer fällt und die Trommelrhythmen und Gesänge der Gäste in das Sternenzelt steigen, fühlt Daniel sich dem Himmel nah. Nach einem exzessiven Tanz-und Trinkgelage wacht er des nächsten Tages verkatert auf, kommt allmählich wieder zu Besinnung und Kräften, lernt die Mitglieder der Tanzgruppe näher kennen und wird von Winnie zu der er eine besondere Anziehung fühlt, unter anderem über den feinen Unterschied zwischen Politikern und Verbrechern informiert, dergestalt, dass ein Politiker betont, dass er etwas getan habe, obwohl er es nicht getan hat, indes ein Verbrecher abstreitet, dass er etwas getan hat, obwohl er es getan hat. Weitere Erlebnisse folgen. Im Hinterland, in der auf einer Polizeiwache der diensthabende Beamte seinen Bericht über den sich abgesetzten Safariführer in eine perfide Groteske verdreht. In Nairobi, wo er mit Pauline nur unter Begleitung bzw. Verfolgung zweier Schutzgelderpresser durch ein Problemviertel laufen kann und dort Zeuge einer tödlichen Schießerei wird.

 

 

Zurück in Deutschland ist sein Weltbild gründlich auf den Kopf gestellt. Seinem Vater wäscht er den Kopf wegen dessen scheinheiliger Flüchtlingsbemutterung, bei der er nur sich und seine politische Clique feire. Seine angestrebte Karriere als Programmierer bei der Deutschen Bahn erscheint ihm angesichts des in Kenia Erlebten, angesichts des sich ihm aufdrängenden Konglomerats aus purer Lebensfreude, akuter Korruption, ansozialisierter Armut eines menschlich reichen Landes im Würgegriff globaler Konzerne banal, nichtig und ungerechtfertigt. Die anschließende Unterredung mit seiner Freundin trägt Züge von Hamlets letztem Gespräch mit Ophelia. Nur ihr vom Parkett aufblinkender Zehenring suggeriert, dass einst mehr zwischen den beiden war, als die beklemmende Aktualität der vergangenen Reise zurückgelassen hat. Daniel beschließt zurückzukehren. Als ein weiterer Schlag in seine heile Weltsicht erweist sich alsbald die Information, dass Winnie, die ihm soviel über Leben, Vergehen und Hoffnungen Kenias weitergegeben hat, eine Nebeneinkunft in Taschendiebstählen hatte. Wie zum Beweis entwendet ihm die ihn Tröstende sein Mobiltelefon: Kenia hat an ihm gehandelt, in vielerlei Hinsicht. 

 

In einer abschließenden Tirade führt der Kleinunternehmer in Safari, Hochseejagd und Rotlicht zurück am Strand ihm die Quadratur des Kreises des „afrikanischen“ Dilemmas und der westlichen Herablassung vor Augen. 

Daniel bleibt allein auf der Bühne. Es wird dunkel um ihn. 

Ein Mann ohne Eigenschaften. Ein Doktor Faustus ohne Gretchen und Mephistoteles. 

Allein die Frage bleibt, entsteigt in den Theaterraum: Wie wollen wir leben?

 

Unter der Regie von Eva Hosemann kam ein Stück auf die Bühne, das durch geschickte Phasierung der Erzählebenen die Verflechtung von abgelaufenem Erlebten und ablaufendem Verarbeitungsprozess offenlegte. Das im Spannungsfeld von Protagonisten, erlebter Welt, Haupt-und Nebencharakteren, Tanz, Musik und Choreographie nie den roten Faden verlor. Das einen glaubhaften Vater-Sohn Konflikt im linksliberalen Milieu nachzeichnete, zeigte, dass auch eine Krähe einer anderen ein Auge auskratzen kann. Und Fragen wichtiger als vorschnelle Antworten sind.

Jedoch wirkten die Monologe und Dialoge teils blut- und charakterlos, wenige Darsteller strahlten Bühnenpräsenz aus. Oft überlagerte die Fülle der Worte die Qualität des Spiels, den trotz aller Dramatik vorliegenden Witz des Geschehens. Humor war rar gesät – so fragt man sich, warum Daniel und sein Chauffeur in einem planenbehangenen Rahmen sitzen, der den Landrover indiziert, wenn der Fahrer während seines Vortrages kein einziges Mal nach vorne schaut, die Hupe betätigt, flucht oder einer kritischen Verkehrssituation begegnet, alles Elemente, die seinen Vortrag gewiss aufgelockert und lebensnäher gemacht und die rührige Requisite gewürdigt hätten. So diente der grüne Umhang allein dem Hinweis, dass das Lenkrad rechts, Daniel in Kenia sei. Selbst für diese kleine, kulturspezifische, lebensnahe Abweichung gab es dankbare Lacher. 

 

Trotzdem die Komplexitäten der Thematik aufgezeigt wurden, drängte sich die Einseitigkeit der politischen Narration an manchen Stellen störend auf. Daniel kann zwar als unverlässlicher Erzähler eingestuft werden, der ja auch aus seiner mentalen und akademischen Verunsicherung, seinem linksseitig zu kentern drohenden Lebensschifflein besonders zum Schluss keinen Hehl macht. So können seine Granteleien gegen seinen Vater vor und nach der ersten Reise wohl als teilweise unreife, gossensozialistische Tropen eingestuft werden, an denen er sich selber abarbeitet. Dass Konzerne nichts anderes als Profit im Kopf hätten und die „Scheißmanager“  - so die Wortwahl des Autors im Zuge einer anderen Aufführung  - die Hexenmeister dieser entfremdeten Profithölle sind, kann man wohl einem heranwachsenden Oberstufenschüler mit politischen Enteignungsgelüsten und postpubertärem Unterdrückungskomplex als krasse Einseitigkeit und Verkürzung – Elemente, zu deren Darstellung das Theater selbstredend durchaus berechtigt ist – nachsehen, als Versatzstücke für einen ernsthaften politischen Diskurs über die Problematik der durch Freiheit verursachten sozioökonomischen und transnationalen Ungleichheit taugen sie wohl nicht. Wohl aber als Anstoß, wie seine abschließende Frage offenlegte.

 

So sollte der Titel des Stücks wohl eher als ein Homophon verstanden werden. Das Stück war ein piece, im wahrsten Sinn des Wortes. Ein Schritt auf einem langen Weg. Ein Ausschnitt, eine energiereiche Verkürzung, die trotz 110 Minuten Laufzeit nur an wenigen Stellen mit ausgefeiltem Wortwitz glänzte und zuspitzte. Nichstdestotrotz wurden die Zuschauer verunsichert, animiert, aufgerüttelt, ihr „piece“ zu geben – aus Daniels ‚ich‘ wurde ein ‚wir‘ –   im Sinne von „do your bit“, das zu tun, wozu sie in ihrer Lebenswelt in der Lage sind – auch wenn dies zunächst nur die Herausbildung eines Problembewusstseins sein sollte.

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