Bewegende Aufführung des Hope-Theatres Nairobi im Apollo Theater

Bewegung gab es viel am Abend des 4. Mai 2018 im Apollo Theater Siegen. Zu Gast war das Hope-Theater Nairobi, ein siebenköpfiges Ensemble aus Kenia unter der Leitung von Stephan Bruckmeier.

 

Schon der Titel der Aufführung „We are Africa!?“ indiziert durch die eigenwillige Interpunktion Aussage und Fragestellung in einem, Abrücken von Überzeugungen und Anbieten von Verhandlungsoptionen. 

 

Aber zur Sache: Von Anfang an wurde das Publikum zum „Tanz“ aufgefordert. Nicht nur, dass Stephan Bruckmeier in seiner Anmoderation zum Besten gab, dass die Autorin des Stücks ihre Bildungsreise in Ostafrika unterbrochen hätte, um eine Schreibblockade ausklingen zu lassen und somit das Ensemble vor der Aufgabe stünde, die Darbietung ohne Skript zu liefern. Wahrscheinlich eine Anspielung darauf, dass Christine Last, die in dieser Spielzeit die Truppe unterstützt hätte, krankheitsbedingt ausgefallen war. In guter Tradition des offenen Theaters verschmolz daraufhin Bühne und Zuschauerraum, indem zwei Damen aus dem Publikum spontan für die verhinderte Schauspielerin einsprangen. 

 

Ankündigung des Stückes war, verschiedene Frauenrollen und -schicksale aus Ostafrika zu präsentieren; Staaten wie Kenia, Tansania, Uganda und Ruanda standen im Fokus. 

In einer Folge von inhaltlich nicht aufeinander aufbauenden Anspielen zeigten die Schauspieler die gravierendsten Missstände und erfreulichsten Entwicklungen auf. Dabei fehlte nie ein Schuss Humor bei aller Dramatik, die der Thematik zugrundeliegt. Zwischen den einzelnen Anspielen führte das Ensemble Tänze zu Trommelbegleitung auf. Durch die leichtlebigen Dialoge, die z.T. lokalen Kreol mit „haarsträubenden“ grammatikalischen Freiheiten (Why didn’t you went?; This men…) einschlossen, wurden Themen wie unsichere Arbeitsstellenangebote, die sich als sklavereiartige Beschäftigungsverhältnisse entpuppen, Menschenhandel, Nichtakzeptanz von Frauen in Führungspositionen durch männliche Geschäftspartner, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, häusliche Gewalt und Beschneidung angesprochen. Nach den ersten beiden Anspielen wurde ein Interview mit dem „Ehrengast“ Herr Deutschmann eingefügt. Deutschmann, glücklich mit einer Tansaniaerin verheiratet, ist Experte in allen Fragen über Afrika, über das deutsch-afrikanische Verhältnis und über Unterschiede in Mentalität und Einstellung. Er ist auch leidenschaftlicher Verfechter der These, dass zur kolonialen Unterdrückung in Afrika immer zwei gehörten, der Unterdrücker und derjenige, der sich das gefallen ließ. Seine Frau, löbliche Ausnahme von der ansonsten faulen, kurzsichtigen Rasse, zeige, dass sie es aber auch anders könnten: Sie habe sich innerhalb kurzer Zeit passables Deutsch angeeignet! Die Kurzsichtigkeit der afrikanischen Völker sei auch daran abzulesen, dass Afrika bisher keinen Schachweltmeister hervor gebracht habe... Nachdem im Publikum einige hochgezogene Augenbrauen am Haaransatz angelangt waren, dämmerte auch den Nichteingeweihten: Hinter dem diesen teils recht chauvinistische, in Anklängen gar rassistische Phrasen dreschenden Stereotypen steckte niemand anderes als Dieter Overath, Geschäftsführer von Fairtrade Deutschland, seine „Ehefrau“ war eine Schauspielerin des Ensembles. Die Aussagen Deutschmanns waren Versatzstücke, die die Autoren des Stückes aus verschiedenen Diskussionen, Gesprächen und Kritiken extrahiert hatten. In einem Dialog zwischen Dieter Overath und Stephan Bruckmeier wurde das zuvor dargebotene Interview problematisiert und die Arbeit von Fairtrade Deutschland dargelegt. 

 

Auch der Aspekt FGM (Female Genital Mutilation = Frauenbeschneidung) wurde entfremdend eingeleitet: Mitten aus einem der Tänze heraus schrie ein Tänzer eine Tänzerin und den Trommler an, die Musik und die Bewegung einzustellen, immerhin befinde sich eine Unbeschnittene, „Dreckige“, „Unreine“ in der Gruppe. Die schwachen, jedoch selbstbewussten Versuche der beschuldigten Tänzerin, trotzdem die Anerkennung der Truppe zu erhalten, verpufften wirkungslos. Einer nach dem anderen wand sich von ihr ab und verließ die Bühne. Inhaltsschwere Stille folgte. 

 

Stephan Bruckmeier erläuterte daraufhin die Problematik und versäumte nicht darauf hinzuweisen, welch hohes Maß an interkulturellem Fingerspitzengefühl für westliche „Aufklärer“ auf dem afrikanischen Kontinent in der Auseinandersetzung mit Riten dieser Art geboten ist, will man sich nicht dem Vorwurf eines neuen Kulturimperialismus schuldig machen. Dialog sei das einzige erfolgversprechende Mittel, um beidseitiges Lernen zu erwirken.

 

Am Ende verließen die Zuschauer um einige Einblicke reicher das Theater, ohne ein „wirkliches“ Theater gesehen zu haben. Die Aufführung war eine Symbiose aus unzusammenhängenden Problematisierungen, die durch mehr oder weniger holprige Anmoderationen wenig Verknüpfung erhielten. Eine gelungene Theateraufführung braucht keinen Regisseur auf der Bühne. Der macht seine Arbeit im Vorfeld. Die zahlreichen Tänze waren darüber hinaus zwar als solche interessant anzusehen, erschlossen sich in ihrer Aussage und ihrem choreographischem Gehalt als Teil der zu behandelten Themenreihe dem Durchschnittspublikum nicht. Als zum Schluss Breakdance Einlagen und akrobatische Kunststücke zu den Trommelwirbeln aufgeführt wurden  - die in ihrer Perfektion durchaus aufs Höchste zu ehren sind – stellte sich bei manchen jenes unbehagliche „koloniale“ Gefühl ein, dass sich der „schwarze Mann“ wieder für den Weißen „zum Affen macht“ um sein Wohlgefallen, seinen Applaus einzufordern – (Die Minstrel Shows der Nachbürgerkriegsepoche der USA lassen grüßen. - Vielleicht ist es aber auch gerade westkolonialer Denkansatz, in jede Äußerung afrikanischer Kultur einen Sinn hineinlegen zu wollen oder einen solchen erklärt zu bekommen.) 

 

Aber es bleibt dabei: Vielleicht hätte etwas weniger Tanz und Klamauk, etwas mehr rigide Regie im Vorfeld, etwas weniger gewollte Verplantheit und etwas mehr Roter Faden einer ansonsten ansprechenden Aufführung noch mehr Exzellenz verliehen.   

Doch stand ja auch ein Fragezeichen hinter dem Titel des Stücks. So waren einige Fragwürdigkeiten gewiss geplanter Teil der Sache. 

 

Zu danken bleibt Robin Schneider und der Fairtrade AG, die die Aufführung des Ensembles durch viel Organisationsarbeit, Kooperation und Werbung überhaupt möglich gemacht haben.

 

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