Was der Volkstrauertag für uns bedeutet

Am Sonntag, den 15. November 2020, fand der diesjährige Volkstrauertag statt – still und einsam, ohne traditionelle Zusammenkünfte und gemeinsames Gedenken in Zeiten der Corona-Pandemie. Neben dem Erinnern an Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft und dem Appell zu Versöhnung und Frieden sollten die Veranstaltungen dieses Jahres besonders im Zeichen des Kriegsendes vor 75 Jahren stehen.

Das Kriegsende 1945 weckt besonders unter uns Jüngeren Bilder von Erleichterung und Neuanfang zur Stunde Null. Dennoch markiert dieses Kriegsende zunächst einen äußeren Frieden, innerlich war ein Großteil der Menschen erschüttert, traumatisiert und verstört. Eine Stunde Null gab es für sie nicht, die Erinnerungen und Eindrücke haben sie zutiefst geprägt und ihre Spuren hinterlassen. Auch heute noch spiegeln sie sich in der Kriegsliteratur wider. Oft schon haben wir in der Schule Kurzgeschichten und Gedichte gelesen, etwa solche wie „Nebel“ von Alfred Lichtenstein, in dem es heißt: „Ein Nebel hat die Welt so weich zerstört. […] Schatten schweben, wo man Schreie hört.“. Solche eindrucksvollen Worte eines jungen Soldaten im ersten Weltkrieg scheinen heute unwirklich und fremd, und derartige grausame Szenarien sind Vielen höchstens aus den Nachrichten über Länder wie Syrien oder Jemen bekannt. Dennoch sind sie Ausdruck erlebter Realität und diese Realität hat Millionen von Menschen weltweit das Leben gekostet. Die Zahl der Hinterbliebenen, die Entbehrung, Entgrenzung, Entehrung im Namen des Krieges erfahren haben, schwindet nach und nach und mit ihnen verblasst ihre Geschichte. Ihre Stimmen schallen wie aus einem fernen Raum.

Diese empfundene Entfremdung von Krieg und Leid ist das Resultat eines Fundaments aus Wohlstand und Sicherheit, das auf unserer modernen demokratischen Gesellschaft fußt und definitiv eine Errungenschaft darstellt. Dennoch ist gerade ein Bewusstwerden dieser Entfremdung essenziell. Es ist von fundamentaler Relevanz, dass wir, die Spätgeborenen, uns mit den Geschichten der Menschen auseinandersetzen, ihres Todes gedenken und uns der Schrecklichkeit des Krieges erinnern. Nur durch ein Bewusstsein ihrer Geschichten lernen wir, die Kostbarkeit des Friedens und unseres Fundaments zu schätzen und uns für dessen Erhalt einzusetzen. Das wurde auch Hermann Hesse im Oktober 1914 plötzlich bewusst: „Jeder hat’s gehabt, keiner hat’s geschätzt, […] oh wie klingt der Name Friede jetzt.“.

Auch wir Schüler des Geschichtsunterrichts der Q1 am Peter-Paul-Rubens Gymnasium haben den Volkstrauertag besonders genutzt, um zu gedenken und uns bewusst zu werden, dass unser friedliches Miteinander längst keine Selbstverständlichkeit ist:

Meine Ahnen und ich

Gefallen sind sie vor so langer Zeit

Menschen, die ich nie kannte

Und doch sind sie in mir verankert

Meine Ahnen, die sich schworen, niemanden auf dem Felde zu töten

Meine Urgroßväter, die auf verbleibenden Wunden und Kugeln ihr Leben lang humpelten

Meine Urgroßmutter, die von der Zeit abgehärtet, weiser wurde

All das sind nur Geschichten von Menschen, die mich nie kannten

Und doch fließt ihr Blut durch meine Venen

 

Ich habe mich oft gefragt: Wieso der ganze Krieg?

Wieso das Chaos, der Tod?

Wieso mussten meine Ahnen leiden, wenn sie doch nur in Frieden leben wollten?

 

Und oft habe ich die Antwort übersehen, obwohl sie direkt vor meinen Augen lag

Mit jedem vergehenden Tag, an dem ich die Vögel zwitschern und Kinder lachen höre

An dem die leichte Brise des Windes meine Haut kitzelt

An dem ich aus dem Fenster schaue und das schöne Grün der Bäume, die verblassenden weißen Streifen am Himmel und die ruhigen Nachbarshäuser erblicke

An dem ich über das Leben philosophiere und die großen Fragen versuche zu beantworten

Fällt mir kaum auf, welch ein Glück meine Sinne befällt

 

Der stille Friede, so ersehnt und so erhofft, fliegt an mir vorbei, wie die Tauben am Bahnsteig

Nur selten erkenne ich diese Ruhe

Aber sobald ich das friedliche Miteinander bemerke, springt ein Funken in mir auf

In dem Moment spüre ich, wie die Toten mir zuflüstern

Wie die Geschichten lebendig werden und das uralte Blut durch meine Adern strömt

Ich möchte nicht mehr traurig sein

Ich möchte lächeln und genießen und glücklich sein

Meinen Ahnen zuliebe

Und mir zuliebe

 

TEXT: ANNE MARIE GERMANN, GEDICHT: ISABEL STÖTZEL

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